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SinnfrageAnDieKunst • BesitzerIn: LenAbsynthia  |  Seitenende  
Zweck der Erstellung dieser Seite ist die Einladung zu einer offenen Diskussion!


Die Sinnfrage an die Kunst



Ich stecke derzeit in einer irrsinnigen Sinnkrise. Dies hier soll aber keine Tagebuchaufzeichnung sein, sondern mehr die Bitte an alle Leute, die hier herumgeistern, mir ihre Meinung dazu zu sagen, vielleicht auch ihre Sicht der Dinge näherzubringen.

Angefangen hat alles mit meiner "Übertrittsmappe"- meinen Büchern, mit denen ich Ende April fertig war und zunehmens unglücklicher damit wurde und fortlaufend werde. Ich empfinde einfach nur mehr eine absolute Zerstörungswut gegenüber all meinen Arbeiten, auch gegenüber meiner "Mappe" (deshalb habe ich gestern damit begonnen, mein Mappen-Buch zu verbrennen. Natürlich wurde mir dann wieder bewusst, dass ich es schon abgeben und den Übertritt schaffen möchte und habe das Ganze noch rechtzeitig beendet.)

Es ist ziemlich komplex- die ganze Thematik- was sich in meinem Kopf abspielt. Ich versuche es aufs Wesentliche zu beschränken.

Ich habe in den letzten beiden Wochen ziemlich intensiv an meiner Küchentür gearbeitet. Will heißen, ich habe die ganze Türe mit sechs A2-Blättern überzogen und darauf eine große Zeichnung begonnen. Jetzt, wo ich fertig bin, hat sich für mich die Frage gestellt, ob ich Fotos davon noch in die Mappe gebe, oder ob ich das Original in der Expo aufbauen sollte. Warum überhaupt noch in die "Mappe"? Nun, weil ich für mich festgestellt habe, dass ich genauso intensiv daran gearbeitet habe, wie andere parallel an ihren Übertrittsarbeiten, zweitens weil ich überhaupt erst zu dem Prozess gekommen bin, weil ich beschlossen habe, dass ich was absolut ganz anderes machen muss- zwecks Abstand gewinnen von meinem ID-Projekt mit den Notationen. Und dann repräsentiert es noch in alles Zügen meine liebste Arbeitsweise: großformatig, mit Pastellkreiden, im Stehen an einer geraden Fläche und die Thematik passt auch zu mir. Natürlich habe auch ich meine "Vorbilder" oder "Idole" und das ist die spanische Künstlerin Victoria Frances. Ich versuche aber trotzdem sie nicht hundertprozentig zu kopieren.

An dieser Stelle möchte ich mal ein Gesamtfoto der ganzen Türe einfügen:

http://www.flickr.com/photos/37477048@N02/3548171140/

Als ich gestern meinen Mitstudis die Fotos gezeigt und sie nach ihrer Meinung gefragt habe, hat Flo gleich als erstes gefragt, ob ich denn begründen könne, was ich da gemacht habe, warum ich es genau so gezeichnet habe und ob ich überhaupt weiß, wieso das und nicht etwas Anderes...ect... Und zurecht! Er meinte noch: Genau auf solche Fragen müsse ich eingestellt sein, mit solchen Fragen müsse ich einfach rechnen, wenn ich sowas präsentiere und ich müsse es auch begründen können. Weiters: Wenn ich das nicht könne, dann gehöre es auch nicht in die Mappe. Und genau da sind wir am Punkt. Denn ich kann es nicht. Wohl habe ich mir etwas dabei gedacht, aber ich kann verdammt noch mal nicht erklären oder begründen, warum das Mädchen links oben liegt, bzw im Wasser treibt, warum die Tränen schwarz sind, warum der Rabe ausgerechnet in der Mitte platziert ist, warum ganz unten ein Wolf den Mond anheult, der eigentlich ganz oben rechts ist. Herr Gott, ich weiß es nicht! Außerdem weiß ich gar nicht, ob ich es überhaupt begründen möchte!
Sage ich, es repräsentiert meine innersten Sehnsüchte, meine Träume- meine Fantasiewelt, so geht es in die selbsttherapeutische Schiene. Behaupte ich, es wäre meine Auffassung der perfekten Realität, so müsse ich erst mal begründen können: was ist Realität? Wovon wende ich mich in der realen Realität ab, sodass ich dieses Bild als meine neue Realität definiere? Was sind Träume? Was sind Sehnsüchte? Was veranlasst uns Menschen überhaupt zu träumen? Uns nach Dingen, die nicht der Realität entsprechen zu sehnen? Ich kann all diese Fragen förmlich in meinem Kopf hören! Aber vielleicht will ich die Beweggründe gar nicht offenlegen. Vielleicht gibt es auch keine großartigen Gründe, etwas, das ich damit vermitteln möchte, eine Thematik, die ich versuche aufzugreifen!

Aber nach all diesen Überlegungen muss ich mich schon fragen: Ist dieses Bild jetzt auf Grund der Tatsache, dass ich es nicht zu Tode diskutieren kann, weniger wert, als Bilder bzw Arbeiten, die ich bis in kleinste Detail begründen kann? Von dem her musste ich weiters feststellen, dass all meine bisherigen (privaten) Arbeiten absoluter Mist sind, unbrauchbar- lächerlich. Somit natürlich auch der zweite Teil der Mappe- das zweite Buch, das aus privaten Arbeiten ensteht. Im Prinzip sind dann meine ganzen Arbeiten einfach nur Mist!

Ich habe bereits am Anfang des Schuljahres mit Tom in Morphologie darüber zu diskutieren begonnen, als wir allgemeine Werkanalysen gemacht haben, warum wir uns denn permanent gezwungen fühlen, alles zu Tode zu diskutieren, zu interpretieren, zu zerlegen und zu analysieren. Und erst gestern haben wir wieder darüber gesprochen und ich fragte ihn, ab wann denn ein Künstler das Recht hat, einfach NICHTS zu sagen. Ab wann ist es legitim, sein Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren und die reine Interpretation einem jeden einzelnen zu überlassen?
Die Antwort: 1) wenn der Künstler dermaßen berühmt ist, sodass er es sich leisten kann, 2) wenn ein aktuelles, zeitpolitisches, soziales oder was auch immer Thema aufgegriffen wird, sodass sich das Werk komplett in sich selbst erklärt.
Nur wie ist es mit Fantasiewelten? Kann man solche überhaupt erklären?

Ich wollte aus dem System des ewigen Rechtfertigens, analysiert werdens, zu Tode diskutierens und reininterpretierens ausbrechen (wie es vorallem auf der psychotherapeutischen Ebene abläuft) und jetzt bin ich schon weider gefangen in diesem System aus Regeln und Konzepten, die besagen, man müsse alles begründen können, rechtfertigen und interpretieren können... ist das wirklich der Sinn der Kunst? Wo bleibt die Freiheit, die einem von der Kunst versprochen wird?

Ich weiß, wir befinden uns in der Ausbildungsphase und es ist gut, dass wir gefordert sind, unsere Arbeiten begründen zu können, da wir uns nur so weiterentwickeln können, dennoch quälen mich diese Fragen, weil ich noch nie eine wirklich fundierte Antwort bekommen habe. Natürlich möchte auch ich mich weiterentwickeln können, nicht immer auf der selben Stelle herumtrampeln müssen und trotzdem frage ich mich, ob ich dem Wahnsinn, den diese gesamte Thematik in mir auslöst, auch gewachsen bin.

Ich würde nun gerne von euch wissen:

Wie geht ihr mit diesen Regeln um?
Was bedeutet für euch der Arbeitsprozess und wie wichtig ist für euch das "Endprodukt"- das, was man schlussendlich "herzeigen" kann?
Wo sind eure Grenzen, an die ihr persönllich stoßt?
Wie weit könnt ihr gewisse Dinge hinnehmen und akzeptieren und wo treiben euch diese vielen Fragen in den Wahnsinn?


Vielleicht zerbreche ich mir einfach zu viel den Kopf, ich würde mich aber dennoch freuen, wenn eine kleine Diskussion entstehen würde.


Fasching Lena
 Kommentare (4) [Kommentare ausblenden]
stop! bitte nix verbrennnen! auch wenn du mit den büchern unglücklich bist - sie sind ein baustein auf deinem weg. und bekanntlich -um das mal jetzt sehr pathetisch auszudücken- können türme einstürzen wenn man bausteine wegnimmt. die bücher sind gut in dem sinne dass du sie
1) einfach mal gemacht hast und gesehen hast dass manche dinge nicht so funktionieren wie man sichs vorstellt und
2) sie sind eine auseinandersetzungsform die dich -auch wenns dir jetzt nicht so vorkommt- doch viel weitergebracht haben: du siehst jetzt dass es z.b. einen zusammenhang zwischen dem inhalt der bücher (deinem und dem ursprünglichen) und der form "buch" gibt auf den man rücksicht nehmen muss (oder dass es diesen zusammenhang hier vielleicht eben nicht gibt was eine gewisse undefiniertheit der arbeit verursacht).
3) sind sie autonom in dem sinne dass du einfach was gemacht hast ohne uns (christoph, martin, stefan, mich) vorher zu fragen. auch wenn das ergebnis jetzt nicht wie gewünscht ausgefallen ist ist diese autonomie -find ich- wichtig.

ok, und nun zur tür. meine persönliche meinung, oder vielmehr ein prozess den ich bei mir oft beobachten kann und der deinem "problem" vielleicht verwandt sein könnte ist das zeitweilige verlangen nach "handwerklichem tun". das ewige denken und konzipieren ist irgendwann mal genug und man möchte wieder mal etwas "machen". dazu vielleicht eine anmerkung:
wenn arbeitsprozesse für dich wichtig sind weil du auf diese art "denkst" dann solltest du dich diesen vielleicht mehr bedeutung beimessen. aber nicht in dem sinne: "ich habe ein werk vor und das arbeite ich jetzt aus" sondern versuchen einen offenen prozess beizubehalten. wenn du z.b. die arbeit von patrick anschaust (der mit den sprengstoffgürteln und dem ipod zeug) - egal wie man die arbeiten bewerten mag - er lässt sich das ergebnis offen und arbeitet so lange weiter bis er die passende form für seine intention herausgeschält hat. auf diesem weg kann sich natürlich auch die ursprüngliche idee total verändern - das wichtige ist der prozess. das "nebenprodukt" ist ein konvolut von arbeiten die seine art zu "denken" sind und die, je tiefer er in die prozesse einsteigt, auch immer stringenter werden. vielleicht ergibt sich sogar irgendwann eine auseinandersetzung die nie abschliessbar ist und die damit aber ein permanentes "dahinarbeiten" und schärfen von "zwischenideen" zulässt.
(2009-05-20 07:59:54) CarLos
aha, i see. bei diesem posting ist nochwas dazugekommen. gut.
die zentrale frage: warum muss frau immer alles zu tode analysieren (und übrigens würde ich toms meinungen bezüglich des nichts mehr zu arbeiten sagen müssens so nicht ganz unterschreiben, aber das ist etwas anderes)? ein immer wiederkehrendes problem für studis. bis zum diplom und auch darüberhinaus.

1) unsere fragen sind keine schikane, wir versuchen herauszubekommen um was es euch geht. versuch dich mal in unsere situation zu versetzen: du bekommst z.b. eine malerei mit traumsequenzen vorgesetzt. was tust du nun damit? du kannst es vom technischen her beurteilen: wie ist der umgang mit farben? kontrasten? raumwirkungen? lichtsetzungen? bildaufbau? etc. etc. aber da sind wir schon beim ersten problem: und wenn die/der das alles bewusst "falsch" gemacht hat? alles in eine ecke gesetzt, die farben saufen total ab, etc.? hat das nicht auch eine berechtigung?
folg dann nicht die nächste frage: aber warum hast du's dann so gemacht? oder warum hast du alles so perfekt gemacht und eben nicht völlig falsch? wir wollen etwas über euch und eure arbeit erfahren! natürlich könnten wir einfach sagen: ja, toll, der nächste bitte. aber seid ihr deswegen hier?

2) ein weiterer aspekt tut sich bei den fragen auf. antworten wie "ja so halt, weil ich es so will" bergen -imho- weitere probleme in sich:
- warum will er/sie dann dass wir (alle betrachter) uns das anschauen? wenn jemand "es so will" und damit zufrieden ist warum dann übrhaupt feedback einholen?
- vielleicht ist kunst eine art kommunikationsprozess. ist kommunikation bei der jemand auf dich einredet du aber weder verstehst von was sie/er spricht noch eine möglichkeit zu fragen oder selbst was zu sagen hast überhaupt kommunikation? bedingt kommunikation nicht einen gegenseitigen austausch? ich denke das ist auch in der kunst der fall. wenn ich immer nur von mir und meiner welt rede ohne mich zu fragen ob die anderen meine welt überhaupt verstehten wird die kommunikation zum selbstgespräch. wir müssen fragen um euch zu verstehen.
und: kommunikation ist nur dann interessant wenn ich über etwas spreche das auch den anderen interessiert.
- viele fragen, viele antworten. noch mehr fragen, interessantere antworten. haha ;-) was ich damit meine ist: die unklarheit die wir alle mit unseren eigenen arbeiten haben verstecken wir oft hinter tollen formulierungen, ätherischen konzepten (meine träume) oder viel zu gross geratenen ideen. eine methode diese überladenen konzepte zu brechen ist die konfrontation mit grundlegenden fragen. auf die einfachen fragen gibts bei sowas nämlich keine antworten. die sind aber die ausgangsbasis. wer soll mir das bombastische zeug glauben wenn nicht mal die grundlagen stimmen? und je mehr wir fragen desto tiefer ist man gezwungen in die eigene konzeption zu schauen (weil selbst tut man sich das ja nicht an, dazu ist man ja zu faul).

3) ein alter spruch, der für mich aber nach wie vor gültig ist: nur wer die regeln kennt kann sie brechen. soll heissen: wenn du bereit bist auch auf die kleinsten details zu achten und diese innere auseinandersetzung mit dir und deiner arbeit funktioniert dann kann man sich fragen obs überhaupt sinn macht so in die tiefe zu arbeiten. weil du dann genau weisst was für dich sinn macht und was nicht. etwas was du nicht kennst kannst du nicht als "sinnlos" ablehnen.

noch fragen?
</bergpredigt ende>
lg
carlos
(2009-05-20 22:05:10) CarLos
lieber carlos,
vielen dank! ehrlich! so viel ich mitbekommen habe, sehe ich dich ja nicht mehr vor der prüfung. daher mein posting direkt an dich. meine arbeit ist noch nicht ganz zerstört, aber ich muss sagen, durch die zerstörungswut und die sinnkrise habe ich wieder ein stück zu meiner arbeit zurückgefunden. will heißen, brandspuren bestehen- ich habe es nun mal angezündet- aber meiner interpretation nach sind brandspuren ein zeichen von aggression, von zerstörung. während dessen war ich mir nicht darüber bewusst, aber im nachhinein gesehen war der reine prozess der zerstörung- das schlichte anzünden der mappe- ein wichtiger schritt für mich. denn ich musste mich entscheiden: resigniere ich total und verwerfe wirklich ALLES, oder gebe ich dem ganzen- mit dem dazugekommen aggressiven und zerstörten aspekt- noch eine chance. ich habe mich dafür entschieden, das unterfangen einzustellen, da ich mich weiterhin diesen auseinandersetzungen stellen möchte, sprich, unbedingt an der schule bleiben möchte. und ich muss auch sagen, dass ich mittlerweile wieder gefallen an meiner mappe finde, sprich echt zufrieden bin damit, da es einfach noch ein zeichen der aktuellen auseinandersetzung damit ist/war.
eine direkte frage noch an dich: würdest du den zweiten teil auch abgeben, meine sammlung der privaten sachen? bzw. würdest du sagen, dass es zum gesamtpacket gehört, oder wäre das einfach nur zu viel des guten?
ich möchte dir nochmals danken, du hast mich schon des öfteren mit deinen argumenten in meinem denken weitergebracht! will heißen: ich fordere die kritik ja heraus, sonst würde ich meine arbeiten nicht herzeigen sondern sie wirklich nur für mich im stillen kämmerchen machen und züchten. aber das würde mich nicht weiterbringen, und ich trample nur ungern unnötig lange an der selben stelle!
liebe grüße, lena
(2009-05-21 00:09:20) LenAbsynthia
oh no. da schreibt man ein fettes kommentar und dann ists futsch. scheisse.

also nochmal, aber gekürzt:

1) gern geschehen. ist ja schliesslich unsere aufgabe da an der schule (oder ich sehs zumindest so)
2) das zweite buch unbedingt dazutun - wenn du meinst dass es dazugehört. aber du kannst da eh noch mit christoph, martin oder stefan darüber reden.

lg
carlos
(2009-05-21 18:15:14) CarLos