"Technologien und wissenschaftliche Diskurse können einerseits als Formalisierungen verstanden werden, d.h. als geronnene Momente unablässiger sozialer Interaktionen, die diese konstituieren. Sie sollten andererseits aber auch als mächtige Instrumente zur Durchsetzung von Bedeutung betrachtet werden."
Donna Haraway in : Ein Manifest für Cyborgs in dies. Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt: Campus 1995, S. 51
vgl.
Der Radikale Konstruktivismus (RK) ist eine Erkenntnistheorie, eine Theorie des Wissens, die sich deutlich von anderen Konstruktivismen unterscheidet. Die Kernaussage des RK besagt, dass eine Wahrnehmung niemals ein Abbild der Realität liefert, sondern immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung eines Individuums ist. Deshalb ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenem (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich. Ausnahmslos jede Wahrnehmung ist subjektiv. Darin besteht die Radikalität des radikalen Konstruktivismus.
Wie ich in meinem letzten Beitrag dargelegt habe ist die Selbstpositionierung und –reflektion enorm wichtig für den Forschungsprozess, um sich auch immer die eigene Konstruiertheit und Beschränktheit zu verdeutlichen.
Donna Haraway (1988) hat sich in ihrem Aufsatz „
Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive.“[1] dazu ausführlich Gedanken gemacht.
„[Ihr] würde eine Lehre verkörperter Objektivität zusagen, die paradoxen und kritisch-feministischen Wissenschaftsprojekten Raum böte: Feministische Objektivität bedeutet dann ganz einfach situiertes Wissen.“ _(Haraway:310)
Zwar betont Haraway, dass
„[d]as erkennende Selbst in all seinen Gestalten partial und niemals abgeschlossen, [...] immer konstruiert und unvollständig, zusammengeflickt [ist]. [...] Es gibt keine Möglichkeit, an allen Positionen zugleich oder zur Gänze an einer einzigen, privilegierten (unterdrückten) Position zu ‚sein’, die durch Geschlecht, ethnische und nationale Zugehörigkeit und Klasse strukturiert wird. [...] Die Suche nach einer solchen vollständigen und absoluten Position ist die Such nach dem fetischisierten, vollkommenen Subjekt einer oppositionellen Geschichte, [...].“(Haraway 2007:313)
Aber die Selbstpositionierung und –reflexion darf keine Floskelformulierungen werden, denn
„[w]ir sind gefordert die Perspektive solcher Blickwinkel anzustreben, die niemals im voraus bekannt sein können und die etwas sehr ungewöhnliches Versprechen, nämlich ein Wissen, das die Konstruktion von Welten ermöglicht, die in geringem Maße durch Achsen der Herrschaft organisiert sind.“ (Haraway 2007:312)
Das von Haraway entworfene Bild zur Abhängigkeit der Visionen, die bewusst und kenntlich gemacht werden sollte, um die Visionen auch verfolgen zu können, werde ich mit auf meinen Weg nehmen:
„Vision erfordert visuelle Instrumente. Optik ist eine Politik der Positionierung. Visuelle Instrumente vermitteln Standpunkte, es gibt keine unvermittelte Sicht vom Standpunkt der Unterworfenen aus. Identität einschließlich Selbstidentität produziert keine Wissenschaft, kritische Positionierung produziert – ist – Objektivität.“ (Haraway 2007:312)?????????
[1] Donna Haraway (2007) Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive. Aus: Vermittelte Weiblichkeit: feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Elviar Scheich (Hg.) Hamburg: Hamburger Edition 1996 (i. O. 1988), S. 217-248 (mit Auslassungen) In: Hark, Sabine (Hg.):
DisKontinuitäten feministische Theorie. 2., aktualisierte und erw. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 305-322.
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